Männergeburt

Ja, aber! — Das war doch nicht so wie bei den Mädchen. Schau, Papa! Du warst unten am Fenster in deinem Büro. Wolltest für einen Moment nach draußen gehen, irgend etwas erledigen. Ja, ich weiß es genau! Du hast mich aufgefangen mit deinen Armen. Ich bin nämlich vom Himmel gefallen, und du hast die Arme ausgestreckt. Auch wenn die Mama und die Charlotte jetzt lachen, ich weiß es genau! Ich bin doch schließlich dabeigewesen! Da oben im Himmel war es wunderschön. Ich bin rumgeflogen, habe den Mond gesehen, die Sterne, die Sonne, den Weltraum, die Raketen, Vögel und natürlich euch. Eben alles! Vorne war ein Tor mit bunten Blumen. Da bin ich durch. Wußte genau, daß ich Sollmann heiße. Hat mir der Vogel erzählt, der mit mir dauernd gespielt hat. Er hatte seinen Schnabel aufgehalten, ich habe ihm die Zähne geputzt. Und auch umgekehrt. Wir haben uns alles geteilt: Essen, Trinken, Spielzeug. Haben eben alles zusammen gemacht. Waren niemals alleine!

 

Als ich den Vogel das erste Mal sah, dachte ich, er sei ein Monster. Aber schon am nächsten Tag war ich gespannt darauf, was wir machen würden. Und da sind wir zum Mond geflogen. Ich neben ihm. Er hatte mir nämlich einen unsichtbaren Fliegen-Kittel geschenkt. Ich brauchte ihn nur anziehen, und schon ging es los! Hab ihn auch manchmal jetzt noch an. Zum Beispiel, wenn ich zur Oma fahre, dort mit dem Philipp spiele. Der hat nämlich auch so einen. Dann fliegen wir zusammen und machen allen möglichen Scheiß, erschrecken die Leute, lachen und gucken nach den Raketen. Ich war ein Jahr alt, als ich heruntergeflogen kam. Du standst draußen, hattest die Arme ausgebreitet, hast hochgeguckt, mich gesehen! Da hat es auch schon bums gemacht, und ich bin in Deine Arme gefallen! Das war schön! (Frei nach Jochen Gummibär)

Von Max Sollmann (5 Jahre alt)

 

In „Worte sind Maske – Szenen männlicher Intimität“, Ulrich Sollmann, Rowohlt, Reinbek, 1993